Frieden
Es ist Frieden.
Wie Tau von den Blättern fällt die
Lebenskraft herab auf junge Triebe,
die im klaren Licht der Morgensonne
endlich ihren Weg ins Freie gefunden haben.
Es ist Frieden.
Vorbei ist die endlose Zeit der Nacht,
die mit Schrecken die Welt erpresste.
Die Panzer stehn' jetzt still und in ihren Rohren
bildet die Morgenfeuchte den ersten Rost.
Es ist Frieden.
Noch ist alles zerbrechlich.
Doch statt Soldatensohlen springen bald
Kinder barfuss über das frische Grün,
binden sich Blume ins Haar
und legen Blumen auf die Gräber.
Es ist Frieden.
Viele Wunden werden heilen und viele
Hände werden ausgestreckt sein zur Versöhnung.
Doch manches Herz bleibt wohl zerbrochen,
von Schmerz, von Leid und Angst.
Es ist Frieden.
Bald wird keine Verwesung mehr die Luft durchdringen
und der Wind bläst Hoffnung himmelwärts.
Fleißige Hände bauen Zerstörtes wieder auf
und Leben kehrt zurück in alle Winkel....
...Es war einmal Frieden.
Als am Morgen die Sonne nicht mehr aufging
und die jungen Triebe durch Ketten und Stiefel erstickten.
Mit Kanonen wurden Leiber in Gräber geschossen
und mit ihren Händen erwürgten sie die Kinder.
Wunden brachen auf und Gebäude ein.
Sie hatten vergessen
ein Mahnmal zu errichten.
Eines, das nicht aus Stein gehauen
oder aus Bronze gegossen ist.
Sie hatten vergessen,
aus Schmerz, Leid und Angst zu lernen.
Sie hatten vergessen
den Kindern zu lehren, was sie nie lernten.
© Holger Rudolph 2003