Eisige Dornen

Kristallener Schneefall in Tausenden Formen,
wie Sterne der Eiszeit vergangener Welt.
Schwebt sanft zu uns nieder in Kälte gleich Dornen,
gestochen der Mensch nun inne hält.

Verwehung des Seins durch bohrende Plagen,
gedrückt das Gehirn und entzündet der Magen.
Ersehnt wird das Feuer, das von innen entfacht,
und Licht gibt in Wärme, gleich funkelnder Pracht.

Leicht wird’s nicht werden, der Gedanken so schwer,
so viele wie Herden, wer weiß es denn, wer?

Gelöst soll er sein, der Stachel aus Eis,
geschmolzen, verdampft, entrissen, verwaist.
Warum seid ihr bloß so hart zu den Herzen,
und gebt uns die eisigen, stechenden Schmerzen?

Doch – ist es wirklich der Kristall aus der Ferne,
der uns entzieht das Licht und die Wärme?
Ist nicht viel mehr sein strahlendes Wesen,
ein Kleinod der Hoffnung, als wär’s nie gewesen,
das Unheil des Lebens aus Last und aus Hass
unserer schweren Gedanken, täglich gefasst?

Erkenne, oh Menschlein, so klein er auch ist,
er entscheidet seit jeher, wer hungert, wer frisst.
Drum entfach selbst das Feuer, das übergeht,
von einem zum nächsten, in Liebe geweht.

symbol
© Holger Rudolph 2011